Die Quelle der Magie

[Als Hörbuch und E-Book]

Prolog

Ich erzähle euch eine Geschichte voller Magie und alltäglicher Wunder. Eine Geschichte von einem magischen Wald, von dem unsere ältesten Legenden erzählen, dass in ihm das kleine Volk wohnt und ihn beschützt. Obwohl die kleinen Wesen kaum größer als ein Tannenzapfen sind, wird von ihren geheimnisvollen Fähigkeiten berichtet. 

Da wir Menschen jedoch verlernten, die kleinen Wesen und ihre Magie wahrzunehmen, verloren wir den Glauben an sie. So rodeten wir große Teile des Waldes, um unsere Felder und Städte zu vergrößern. 

Für das kleine Volk machte es lange keinen Unterschied, was wir Menschen taten. Sie lebten im Herzen des Silberwaldes und kümmerten sich um ihre eigenen Angelegenheiten, tief verwurzelt im ruhigen Jahresrhythmus des Waldes. 

Doch der Wandel der Zeit schritt unaufhaltsam voran und so näherte sich der Tag, an dem das Herz des Silberwaldes bedroht wurde. 

 

Von Kobolden und Elfen

 In diesem Frühjahr erwachte der Silberwald früh aus seinem Winterschlaf. Auf dem laubbedeckten Boden spross bereits zartgrünes Leben, auch wenn noch ein kalter Winterhauch in der Luft zu spüren war. Die Gemeinschaft der Eichenkobolde hatte die kalte Jahreszeit warm und geborgen in ihren Erdwohnungen unter den starken Wurzeln der alten Bäume verbracht. Noch sah man überall die kleinen Türchen aus Eichenrinde, über denen das Wappen der jeweiligen Familiensippe angebracht war. Bald schon würde das sprießende Grün des Waldes alles überdecken. Auch die vielen Trampelpfade, die durchs Moos verliefen, würden dann für das ungeübte Auge nicht mehr zu erkennen sein. Einzig der Versammlungsplatz der Kobolde, welcher mitten zwischen den Eichen auf einer sandigen Fläche lag, wurde nie vom Grün überwuchert. Hier waren die verschiedensten Gewerke ansässig. Da gab es die Hüter der Seidenraupen mit den großen Kokons. Gleich nebenan waren die Weber und der Schuster ansässig, um zu verarbeiten, was ihnen die Raupen lieferten. Auf der anderen Seite werkelten die Bäcker gemeinsam mit den Köchen. Schließlich gab es da noch die Schmiede, gleich neben dem Tischler. Ein besonderer Platz war für den Ältesten und den Heiler vorbehalten. Sie bewohnten einen alten hohlen Baumstumpf, der genug Platz bot, damit sich die Gemeinschaft der Kobolde auch im Winter dort versammeln konnte. Denn friedliche Geselligkeit, verbunden mit ihren uralten Traditionen, waren den Kobolden besonders wichtig.

Um diese frühe Stunde allerdings schlief noch alles. Morgennebel zog zwischen den Eichenstämmen dahin, nur hie und da war ein verschlafenes Insekt zu sehen. So bekam niemand mit, wie sich ein junger Kobold leise aus dem Haus seiner Sippe stahl.

Taurin war groß für einen Kobold. Fast so groß wie ein Elf; nur dass er keine Flügel hatte. Daher musste er den Kopf einziehen, um unter der alten Eichenwurzel hindurchzukommen, die ihre Haustür mit dem Wappen des Schmiedes beschützte. Sein Vater würde nicht erfreut sein, wenn er wüsste, was sein Ältester an diesem Morgen im Sinn hatte. Eigentlich war er selten erfreut über das, was Taurin tat. Aber er musste es ja nicht erfahren.

Flink lief Taurin zu dem kleinen Wasserlauf hinüber, welcher sich munter durch das Unterholz schlängelte. Rasch zog er sein Wams und das feingesponnene Hemd aus. Zitternd wusch er sich in der kalten Morgenluft. Sein schulterlanges schwarzes Haar glänzte nass, ebenso wie seine moosgrüne Haut. Während er sich schnell wieder anzog, musste er an den Traum denken, der ihn seit mehreren Nächten begleitete.

Nicht die Albträume von früher, nein, dieser Traum war anders. Hilon der Älteste hatte den jungen Kobolden erklärt, dass jetzt, da die Magie in ihnen erwache, es normal sei, dass sie Veränderungen an sich bemerkten. Viele hatten daraufhin freimütig von ihren Erfahrungen erzählt, aber keiner der Heranwachsenden hatte von Träumen berichtet, die vom Fliegen oder irgendwelchen verborgenen Quellen gehandelt hätten, daher hatte Taurin lieber den Mund gehalten und nichts erzählt. Stattdessen würde er heute auf eigene Faust versuchen zu ergründen, was dieser Traum bedeuten könnte. 

»Was machst du denn so früh hier draußen, Taurin?«

Ein Koboldmädchen mit zwei langen schwarzen widerborstigen Zöpfen und Sommersprossen auf der grünen Nase kam unter einer Baumwurzel hervor. Sie funkelte ihn argwöhnisch an.

»Das Gleiche könnte ich dich fragen, Fanil! Solltest du nicht die Seidenraupen hüten?«

Das Mädchen zog mürrisch eine Schnute.

»Die können gut auf sich selbst achten. Außerdem schlafen die meisten sowieso noch. Nun sag‘ schon, wo willst du hin?«

»Das geht dich gar nichts an! Geh wieder rein und vergiss, dass du mich gesehen hast. Dann vergesse ich deiner Mutter zu sagen, wie wenig Gesellschaft die Raupen heute Morgen hatten.«

Fanil warf ihm einen giftigen Blick zu. Doch Taurin achtete nicht mehr auf sie. Während er einen hohen Pfiff ausstieß, schwang er sich flink auf den Schirm eines großen Pilzes. Einen Augenblick später näherte sich mit langen Sprüngen ein Grashüpfer und blieb unter dem Pilz stehen. Mit aufgeregtem Zirpen begrüßte er Taurin.

»San-san, mein Freund, bereit für ein Abenteuer?«

Die langen Fühler der Heuschrecke bebten erwartungsvoll, als der junge Kobold geschickt auf seinen Rücken sprang. Im nächsten Moment trug ihn sein Reittier auch schon mit großen Sprüngen in die Nebelschwaden des erwachenden Tages hinein.

Fanils Augen hatten sich vor Erstaunen geweitet. Sie hatte schon davon munkeln gehört, dass Taurin mit Tieren reden konnte. Nun gut, das war schon etwas Besonderes. Aber, so befand sie, auch das Einzige, was man an diesem Taurin bewundern konnte. Er war viel zu groß und dünn für einen Kobold. Sicher, er war durchtrainiert wie die anderen jungen Kobolde auch. Aber irgendwie wurden seine Schultern nicht so breit, auch waren seine Arme nicht so muskelbepackt wie bei den anderen jungen Kobolden. Außerdem hatte ihr Kulan erzählt, dass dieser Taurin oft Albträume haben sollte.

Ja, Kulan hatte ihr davon erzählt. Er erzählte ihr immer alles, genauso wie auch sie ihm alles erzählte. Schon seit ihrer Kindheit waren sie beide sehr vertraut miteinander. Deshalb grauste ihr bereits vor dem Tag, an dem sie mit einem Kobold aus den Nachbardörfern vermählt werden würde. Aber so war es nun einmal Sitte bei den Kobolden. Um die Familienbanden zu stärken, wurde die erste Tochter einer Familie immer mit einem Kobold aus den Nachbardörfern vermählt, und sie war die erste Tochter von fünfen. Ach, wie sie ihre kleinen Schwestern beneidete, die das Glück hatten, hier im Eichenwald zu bleiben! 

Sie sah Taurin nach, der mit seinem Grashüpfer im Wald verschwand. 

Vielleicht, so überlegte sie, hat es doch Vorteile, dass ich das Dorf verlassen muss, so besteht jedenfalls keine Gefahr, mit dieser Merkwürdigkeit vermählt zu werden. Wenn es nach ihr ginge… Sie seufzte tief. Verstohlen strich sie über den langen Ärmel ihres Kleides, unter dem ein kunstvoll geflochtenes Lederband verborgen war. Kulan hatte es ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt, ganz im Geheimen. Sie seufzte wieder. Dann drehte sie sich um, um ihren Pflichten bei den Seidenraupen nachzukommen.