Das Lied der Barden
[Im Kreativprozess]
Kapitel 1
Kjelrim rannte. Ihr Atem brannte in ihren Lungen, das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie hörte das Schlagen mächtiger Schwingen näher kommen. Wutentbrannt verbot sie es sich zurückzuschauen, sie musste nur schnell genug rennen, um dem zu entkommen, was sie mit sich brachten. Ihre halsbrecherische Flucht endete abrupt, als sich ein bodenloser Abgrund vor ihr auftat. Keuchend blieb sie stehen und starrte hinab in die schwindelerregende Tiefe.
»Ich weiß, wer du bist«, sagte eine dunkle Stimme, während das Wesen mit einem rauschen seiner großen Schwingen hinter ihr landete.
»Ach ja?«, fragte sie zitternd vor Wut und drehte sich trotzig um. »Jeder sagt mir, dass er mich kennt, dass er weiß, was ich bin«, bitter setzte sie hinzu »oder sein sollte. Aber niemand weiß das, nicht mal ich selbst.«
»Da irrst du dich«, sagte die dunkle Stimme jetzt sanft. »Du weißt, was wir sind, warum leugnest du es immer noch?«
Mit einer stummen Bitte bot das Wesen ihr seine Hand.
»Nein! Das kann nicht sein!«
Sie sah hinter sich den Abgrund gähnen. Ihre Flucht endete hier, es gab kein Entkommen mehr. Einen Augenblick sah sie in die eigenartigen Augen des Wesens, spürte die seltsam vertraute Melodie, die an ihr zerrte. Sah die stumme Aufforderung, seine Hand zu nehmen, mit ihm zu gehen. Aber das durfte nicht sein, dass konnte einfach nicht wahr sein!
Zitternd wich sie zurück. Ihr Fuß spürte die Kante des Abgrundes, nur noch ein kleiner Schritt. Tränen liefen ihre Wangen hinunter, warum musste es so enden? Gab es wirklich keine andere Möglichkeit? Der sandige Untergrund nahm ihr die Entscheidung ab. Ihr Fuß rutschte über die Kante - und sie fiel. Das letzte, was sie sah war der Blick seiner seltsamen Augen, voller Sehnsucht und Einsamkeit und in dem Moment, in dem sie fiel, erkannte sie, dass es ihre eigene Einsamkeit und Sehnsucht war, die sich in ihnen spiegelte. Verzweifelt streckte sie ihre Hand aus…
Schweißgebadet keuchend erwachte Kjelrim aus ihrem Alptraum. Mit angstweiten Augen setzte sie sich kerzengrade in ihrem Bett auf. Panisch sah sie sich um.
Aber es war ganz still in ihrer Kammer. Nur hin und wieder war das Knarren der uralten Eiche und das vertraute Säuseln des Windes zu hören, wenn er draußen durch die Blätter strich. Auch von ihren Kameraden, die in den Gemeinschaftsunterkünften im Inneren der Eiche schliefen, war noch nichts zu hören.
Die Daunenfeder, die ihr als Decke diente, rutsche zu Boden. Jetzt erst bemerkte Kjelrim, dass sich ihre Krallen in die ineinander geflochtenen Zweige ihres Bettgestells gegraben hatten und ihre Haut, die sonst so dunkel wie Ebenholz war, in einem dunklen Grün schimmerte. Das passierte immer, wenn sie sich aufregte – sie hasste das. Mit dem grünen Schimmer ihrer langen schwarzen Haare kam sie zurecht, manchmal fand sie das sogar ganz nett. Aber warum hatte der Waldgeist die Spitzen ihrer Ohren auch noch grün gefärbt, genauso wie ihre ein wenig zu großen Augen? Hätte sie nicht wenigsten die dunklen Augen ihres Volkes erben können?
Streng wies sie sich zurecht. Mit 19 Jahren befand sie, sollte man über solche Äußerlichkeiten erhaben sein. Hier in ihrer Heimat im Brombeerhort gab es sowieso die abenteuerlichsten Mischungen zwischen den magischen Wesen. Ein Adunasti zu sein war nichts Besonderes.
Aber es gab noch ein Volk, dass sich vor über zwanzig Jahren im Brombeerhort angesiedelt hatte, dass stets unter sich geblieben war – Nachtalben. Und dieses einst so stolze Volk tat sich schwer damit zu akzeptieren, dass ihr Oberster Wächter, der Ra-an, ausgerechnet eine Adunasti als Gefährtin gewählt hatte. Und aus dieser Verbindung nun Kjelrim hervorgegangen war, welche das Weltbild der Nachtalben auf eine harte Probe stellte. Zumal sie dazu ausersehen war einmal das Volk der Nachtalben zu führen – die nächste Ra-an zu sein, die Eine und die Viele, die die magische Verbindung zur Quelle der Magie herstellen musste, damit ihr Volk überlebte.
Kjelrims Faust schloss sich ruckartig, während ihre Gedanken voller Ironie grollten:
Kein Erwartungsdruck! Sie zitterte, aber bevor sie sich ganz in einen gefährlichen Selbsthass verlor, mahnte sie sich streng:
»Stopp!«
Was hatte ihr Vater ihr beigebracht? Er hatte ihr einen Satz, einen Gedanken gegeben, der ihr als Anker dienen konnte. Ein Anker, an dem sie sich selbst aus dem Sumpf ihrer Gedanken herausziehen konnte!
Betont ruhig, legte Kjelrim die Hände auf ihre Oberschenkel und schloss die Augen. Konzentriert atmete sie ein paar Mal tief ein und aus, wobei sie sich nur auf den einen Satz fokussierte:
Ich bin gut, so wie ich bin. Ich bin gut, so wie ich bin!
Während sie im Geiste immer wieder diesen einen Satz rezitierte, spürte sie wie sie sich langsam entspannte. Wie die bohrenden Gedanken leiser wurden, sich beruhigten.
Als sie schließlich die Augen öffnete, war sie wieder im Gleichgewicht. Der Hauch eines Lächelns lag auf ihrem Gesicht.
»Ich kann das!«
Damit schwang sie sich von ihrem Bett, schnappte sich ihre Kampfausrüstung und verschwand Richtung Waschraum, wo bereits ein Zuber mit kaltem Wasser auf sie wartete, der sie auch den letzten Schrecken ihres Albtraums vergessen lassen würde.