Die Linie der Ra-an

Prolog

Aus den Erinnerungen der Ältesten.

Das stolze Volk der Nachtalben neigte schon immer dazu, sich selbst zu wichtig zu nehmen. In ihrer sturen Selbstherrlichkeit ignorierten sie den Wandel der Zeit, der ihnen schlussendlich fast zum Verhängnis geworden wäre - wie uns allen.

Wenn ein großer Übergang bevorsteht, wenn Altbewährtes stirbt, das Neue aber noch nicht bereit ist seinen Platz einzunehmen, wird in Frage gestellt, was bisher unantastbar schien. In diesen Zeiten zeigt sich das Wahre in allem, was ist. Und nur wer in solchen Zeiten seiner inneren Wahrheit folgt, wird den Wandel als das annehmen können, was er ist – Leben.

Mögen die Wächter die Kraft haben, dem standzuhalten, was uns erwartet. Mögen sie erkennen, wann es aussichtslos für sie wird und um ihrer selbst willen hoffe ich, dass sie zwischen beidem unterscheiden können. 

Geliebte gib ihnen die Kraft, ihr Schicksal zu meistern. 

Sariahs Tagebücher
 

Zwillinge 

Der Riese wuchs vor ihr in die Höhe wie die wahrgewordene Angst aus ihren schlimmsten Albträumen. Seine gigantischen Füße trampelten durch das Unterholz des Silberwaldes, ohne dass er die magischen Wesen, welche kaum größer als Tannenzapfen waren, bemerkte. Selbst als diese laut schreiend das Weite suchten, schien der Riese sie nicht zu hören. 

Harades, Anführerin der Nachtalben, riss zwei Koboldkinder an sich und rettete sie vor dem sicheren Tod, indem sie ihre starken Schwingen ausbreitete und mit ihnen hoch in die Bäume floh. Hilflos musste sie mit ansehen, wie der Riese in seiner Unwissenheit immer mehr Wesen des kleinen Volkes tötete. Verzweifelt flehte sie den Großen Waldgeist an ihnen zu helfen – und wurde erhört!

Die magische Quelle, welche tief im Silberwald verborgen liegt, spannte einen magischen Schutzschild über den Wald, der die Riesen vergessen ließ, dass es diesen Ort überhaupt gibt. Damit der Schild aber rund um den Silberwald verankert werden konnte, verpflichtete sich Harades, dass ihr Volk der Nachtalben von nun an als äußere Wächter rund um den Wald leben würden. Die Quelle der Magie belohnte Harades, indem sie ihr eine direkte Anbindung an die magische Quelle gewährte. Durch diesen kraftvollen Lebensquell erstarkte das Volk der Nachtalben und vermehrte sich überaus zahlreich. So wurde Harades zur ersten Ra-an, zur ersten Obersten Wächterin des Volkes der Nachtalben. 

Etliche Jahrhunderte hielt der magische Schutz alles fern, was seinen Bewohnern hätte schaden können. Doch seit vielen Jahren ist der Schutz im Schwinden begriffen. Die Grenzen sind durchlässig geworden, sodass das Volk der Nachtalben mit seinen starken Kriegern zur letzten Hoffnung der magischen Bewohner des Silberwaldes wurde.“

Mit einem schrägen Grinsen schlug Dalon das dicke Buch, aus dem er vorgelesen hatte, zu.

»Dumm nur, wenn man in so eine Welt ausgerechnet als der schwächere von Zwillingen hineingeboren wurde«, sagte der zarte Nachtalb mit Unschuldsmiene. »Wobei es sowieso schon eine Zumutung ist, als Zwilling geboren worden zu sein. Die Mutter kann ihre Kameraden nicht so schnell wieder unterstützen. Eine zusätzliche Amme ist nötig. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass nur einer der Zwillingsbrüder die Kraft und das Talent zum Kämpfer entwickelt. Der andere dagegen dünn und mickrig ist, seine Flügel ihn kaum bis in die Baumwipfel tragen und er zu allem Überfluss auch noch die Intelligenz mit vollen Löffeln gegessen hat«, beendete Dalon seine selbstironische Darstellung mit einem spitzbübischen Grinsen. 

Jarada, die eindrucksvolle junge Albenkriegerin, die ihm gegenübersaß, lachte lauthals auf, während sie sich auf ihre durchtrainierten Oberschenkel schlug, wobei ihre üppige schwarze Haarpracht wild um ihre spitzen mit Tätowierungen übersäten Ohren flog. Dicke lederne Armschützer bedeckten ihre Unterarme und ließen ihre dunkelgrünen, muskelbepackten Oberarme noch eindrucksvoller wirken. Die stattliche junge Albin war fast einen Kopf größer als der zierliche Dalon, der statt einer Kampfausrüstung die traditionelle Kleidung eines Schreibers trug. Über einem weiten weißen Hemd, welches einen schönen Kontrast zu seiner dunkelgrünen, fast schwarzen Haut bildete, trug er eine braune Jacke mit vielen Taschen. Die ebenfalls dunkle Hose steckte in weichen Stiefeln. 

»Dalon, was würde ich nur ohne dich tun in diesen elend langweiligen Unterrichtsstunden«, lachte Jarada ausgelassen, wobei sie es vermied, Dalon freundschaftlich zu knuffen. Vor einigen Jahren hatte sie ihm dabei einmal versehentlich zwei Rippen angebrochen.

»Tja, wahrscheinlich vor Langeweile wieder Ratos, den armen Hauptverwalter deines Vaters, als Sparringspartner nehmen.«

Jarada sah mit einem verschlagenen Blitzen in ihren dunklen Augen zu dem schrumpeligen kleinen Alben hinüber, dessen Flügel eher schmückendes Beiwerk als nützliche Gliedmaßen waren. Der runzlige Alte bemerkte ihren Blick. Seine kleinen zynischen Augen wurden unruhig, mit fahrigen Bewegungen sammelte er seine Schriftrollen ein und verließ schleunigst den Raum.

»Was hat er nur immer?«, fragte Jarada mit einem hinterhältigen Lächeln auf ihren Lippen. »Hätte er den Sandsack stillgehalten, wäre er nicht umgekippt wie ein hohler Baum.«

Dalon hielt es für diplomatischer, darauf nicht zu antworten. Jaradas aufbrausendes Temperament neigte zu unüberlegten Ausbrüchen.

Die junge Albin streckte sich, als würde sie vor Energie gleich platzen.